Zweite Chance im OP: „In aller Freundschaft“ zeigt Brentano zwischen Schuld, Ehrgeiz und Vertrauen 🩺
(1) Ein Mädchen, ein Arm – und ein Arzt mit Vergangenheit
Am 10. Dezember 2025 um 07:40 Uhr im WDR kehrt eine besonders dichte und emotionale Folge von „In aller Freundschaft“ zurück auf den Bildschirm – eine Episode, in der es um weit mehr geht als um einen gebrochenen Arm. Im Mittelpunkt steht Dr. Philipp Brentano (Thomas Koch), der nach seinem Sabbatical in die Sachsenklinik zurückkehrt und sofort mit einem Fall konfrontiert wird, der ihn fachlich reizt – und menschlich an seine Grenzen bringt.
Die Patientin: Laura Schütz (Lale Andrä), ein Mädchen, das seit ihrer Geburt an einer Fehlstellung des Arms leidet. Wochenlang hat Brentano akribisch einen OP-Plan ausgearbeitet, um ihr endlich zu einem „normaleren“ Leben zu verhelfen. Dann der Zufall – oder das Schicksal: Kaum ist er wieder im Dienst, wird Laura nach einem Unfall mit einem Armbruch eingeliefert.
Plötzlich ist die theoretische Planung Realität. Für Brentano ergibt sich eine einzigartige Chance: Er könnte in einem Eingriff sowohl die Fehlstellung als auch die akute Fraktur beheben. Medizinisch ein Geschenk, dramaturgisch ein Pulverfass – denn weder Laura noch ihre Mutter Valerie Schütz (Anja Boche) glauben noch an ihn.
Ihre Botschaft ist deutlich: Sie haben das Vertrauen in ihn verloren. 
(2) Wenn Kompetenz nicht reicht: Kampf um Vertrauen in der Sachsenklinik
Brentano steht damit vor einem Dilemma, wie es Arztserien selten so klar zeichnen:
Er weiß, dass er die fachliche Lösung hat – doch ohne das Einverständnis seiner Patientin und ihrer Mutter bleiben ihm die Hände gebunden.
Valerie zögert, blockt, ist kühl und entschieden. Was früher vielleicht Hoffnung war, ist nun Skepsis. Zwischen den Zeilen wird spürbar:
Irgendetwas muss vorgefallen sein, das das Vertrauen erschüttert hat.
Der Bruch sitzt tief genug, dass selbst eine potenziell heilende Operation keine Selbstverständlichkeit mehr ist.
Auch innerhalb der Klinik ist die Lage angespannt. Chefarzt Dr. Kai Hoffmann hat Bedenken. Er kennt Brentanos Stärken, aber auch dessen jüngste Vorgeschichte. Ein Sabbatical kommt selten ohne Gründe – Überlastung, Selbstzweifel, private Krisen. Darf man einem Arzt, der gerade erst wieder im Beruf ankommt, einen solchen Eingriff anvertrauen, wenn die Patientenfamilie bereits verunsichert ist?
So prallen mehrere Ebenen aufeinander:
Medizinische Notwendigkeit
Ärztlicher Ehrgeiz und Idealismus
Das fragile Band des Vertrauens zwischen Arzt, Kind und Mutter
Die Frage, die wie ein roter Faden durch die Folge läuft:
Reicht es, der Beste im OP zu sein – wenn dich draußen niemand mehr loslassen will?
(3) Philipp Brentano zwischen Schuld und Ehrgeiz: Eine Operation als Bewährungsprobe
Brentano versucht, den Spagat zu meistern. Er will Laura helfen – nicht nur, weil sie ein schwieriger Fall ist, sondern weil er offensichtlich emotional involviert ist. Wochen der Vorbereitung, Gespräche, Hoffnungen: Diese Vorgeschichte ist nicht einfach mit einem Schulterzucken abgetan.
Doch Lauras Ablehnung trifft ihn. Sie spürt instinktiv, dass irgendetwas an ihm „anders“ ist als früher – distanzierter, angespannter, vielleicht auch verzweifelter in seinem Wunsch, zu beweisen, dass man sich wieder auf ihn verlassen kann. Ihre Mutter Valerie hingegen sieht vor allem das Risiko.
Im Hintergrund steht immer die große Frage:
Ist Brentano wirklich bereit für diesen Eingriff?
Oder treibt ihn mehr das Bedürfnis nach Rehabilitation als nach nüchterner, verantwortungsvoller Indikationsstellung?
Dr. Hoffmann fungiert dabei als Gegenpol. Seine Bedenken sind nicht nur medizinischer Natur, sondern betreffen auch das Gesamtgefüge der Klinik. Ein erneuter Konfliktfall um Brentano könnte die ohnehin empfindliche Balance des Teams erschüttern.
So wird der OP nicht nur zu einem medizinischen Höhepunkt, sondern zu einer Charakterprüfung:
Kann Brentano zeigen, dass er aus der Vergangenheit gelernt hat – und gelingt es ihm, sich den Respekt und das Vertrauen zurückzuholen, das er verloren hat?
(4) Lea Peters: Zurück im Dienst, doch das Private lässt sie nicht los
Parallel zu Brentanos Drama erlebt die Folge einen zweiten starken Handlungsstrang, der besonders Eltern berührt dürfte: Dr. Lea Peters (Anja Nejarri) hat ihren ersten Arbeitstag nach dem Drama mit ihrem Lebensgefährten Jenne Derbeck.
Lea versucht, es allen – und vor allem sich selbst – zu beweisen:
Sie will keine Sonderbehandlung, keine Mitleidsblicke, keine vorsichtige Rücksichtnahme des Teams. Für sie ist klar: Zurück an den OP-Tisch, zurück in den Alltag, zurück zur professionellen Routine.
Doch wer Lea kennt, weiß: Hinter dieser Fassade steckt ein hoch sensibler, verletzter Kern. Das Drama um Jenne ist nicht einfach abgeschlossen, nur weil der Dienstplan weiterläuft.
In der Nacht trifft sie dann ein Schlag, den jede Mutter fürchtet:
Ihr Sohn Tim bekommt plötzlich hohes Fieber.
Alle Rationalität des Klinikalltags, alle ärztliche Erfahrung weichen in diesem Moment einem einzigen Gefühl: blanker Sorge. Die Ärztin in ihr weiß, dass Fieber bei Kindern häufig harmlos ist – die Mutter in ihr hört nur die Alarmglocken.
Sie reagiert instinktiv: Sie schnappt Tim und fährt mit ihm in die Sachsenklinik. Genau an den Ort, an dem sie tagsüber Stärke demonstrieren will, zeigt sich nachts ihre ganze Verletzlichkeit.
Diese Parallelführung – tagsüber professionelle Distanz, nachts überforderte Mutterliebe – gehört zu den stärksten Motiven in „In aller Freundschaft“. Sie macht klar:
Die Ärztinnen und Ärzte der Sachsenklinik retten täglich Leben, doch ihr eigenes Privatleben ist oft brüchiger, als es der weiße Kittel vermuten lässt.
(5) Ein Morgen voller Entscheidungen: Warum diese Folge lange nachwirkt
Was als Frühtermin um 07:40 Uhr im WDR daherkommt, ist erzählerisch alles andere als leichte Kost. Die Folge aus dem Jahr 2019, jetzt erneut ausgestrahlt, bündelt viele der Qualitäten, für die „In aller Freundschaft“ so geschätzt wird:
Starke medizinische Konflikte:
Ein komplexer OP-Fall, ein Kind zwischen Angst und Hoffnung, ein Arzt zwischen Kompetenz und verlorener Glaubwürdigkeit.
Tiefe menschliche Fragen:
Was ist wichtiger – fachliche Exzellenz oder seelisches Vertrauen? Darf man jemanden schützen, indem man ihm eine zweite Chance gibt, auch wenn andere daran zweifeln?
Berührende Einblicke ins Privatleben:
Eine Ärztin, die tagsüber funktionieren will und nachts mit dem fiebernden Kind in der Notaufnahme steht.
Dass WDR diese Episode ausstrahlt, während die Serie 2025 längst andere Figuren und Handlungsstränge weiterentwickelt hat, wirkt wie ein Rückblick auf einen zentralen Aspekt der Sachsenklinik-DNA: Heilung ist nie nur körperlich.
Ob Brentano eine Möglichkeit findet, Laura doch noch zu operieren, ob Lea als Mutter und Ärztin ihren Weg zwischen Stärke und Verletzlichkeit findet – die Folge beantwortet diese Fragen nicht nur mit Diagnosen und OP-Berichten, sondern mit leisen, intensiven Momenten.
Wer an diesem Dezembermorgen einschaltet, bekommt nicht nur eine Arztserie, sondern ein Stück serielles Charakterkino serviert:
über Schuld und zweite Chancen, über professionelle Rollen und private Abstürze – und darüber, wie schwer es ist, Vertrauen zurückzugewinnen, wenn es einmal verloren wurde.