In aller Freundschaft (S27/E05) • Fluchten
Familiendrama zwischen Leben und Tod: „Fluchten“ in der Sachsenklinik 
Die 27. Staffel von „In aller Freundschaft“ startet mit einem Paukenschlag: Folge 5 mit dem bezeichnenden Titel „Fluchten“ spannt den Bogen von verzweifelter Selbstgefährdung bis zur existenziellen Midlife-Krise – und stellt eine Frage, die unter die Haut geht: Wovor laufen wir wirklich davon – und wer holt uns zurück?
Im Zentrum stehen diesmal zwei Figuren, die normalerweise als Fels in der Brandung gelten: Hanna Globisch und Dr. Roland Heilmann. Doch beide entgleiten ihrem gewohnten Kurs, und die Sachsenklinik wird einmal mehr zum Schauplatz einer emotionalen Suchbewegung – nach einem körperlich verschwundenen Mädchen und nach einem Arzt, der seine eigene Rolle im Leben nicht mehr findet. Parallel dazu sorgt eine charismatische Patientin, Carla Simona Kind, für eine ebenso schillernde wie brüchige Nebenhandlung, in der Wahrheit und Legende ineinanderfließen.
Wenn Nähe zur Bedrohung wird: Hanna und Kathrin im Ausnahmezustand 
Im Mittelpunkt der Episode steht die junge Hanna Globisch, die sich in letzter Zeit immer stärker von ihrer Mutter Dr. Kathrin Globisch distanziert. Die Spannungen dieser Mutter-Tochter-Beziehung verdichten sich in einer katastrophalen Entscheidung: Hanna nimmt ihre immunsupprimierenden Medikamente nicht mehr – ein fataler Leichtsinn für jemanden mit transplantierter Leber.
Mit jedem verpassten Medikament spielt Hanna russisches Roulette mit dem eigenen Körper:
- Sie riskiert eine Abstoßung ihres Transplantats.
- Sie bringt sich wissentlich in Lebensgefahr.
- Und sie sendet, bewusst oder unbewusst, ein stummes SOS an ihr Umfeld.
Als sich ihr Zustand dramatisch verschlechtert, schafft sie es gerade noch, Dr. Roland Heilmann eine Sprachnachricht zu schicken. Kein klarer Standort, keine präzisen Angaben – nur ihre Stimme und diffuse Hintergrundgeräusche. Was für andere ein unbrauchbares, verwackeltes Lebenszeichen wäre, wird für Roland zur Rettungsleine: Er hört genauer hin, analysiert die Geräuschkulisse, filtert Hinweise aus Klangfetzen.
Dieser Moment zeigt eindrucksvoll, warum Figuren wie Roland Heilmann seit Jahren das emotionale Rückgrat der Serie bilden: Er ist nicht nur Arzt, sondern Spurenleser, der seine Patientinnen und Patienten kennt – und im Zweifel bereit ist, jede professionelle Grenze zu überschreiten, um ein Leben zu retten.
Als Kathrin Globisch erfährt, dass Roland auf eigene Faust losgezogen ist, um Hanna zu finden, entlädt sich ihre Angst in blankem Zorn. In ihrer Perspektive mischt sich Dankbarkeit mit Kontrollverlust:
- Warum wurde sie nicht einbezogen?
- Warum handelt Roland allein?
- Und wie viel persönliche Verstrickung verträgt professionelle Verantwortung?
„Fluchten“ zeichnet Kathrins Reaktion nicht als Undankbarkeit, sondern als Überforderung einer Mutter, die merkt, wie wenig Einfluss sie inzwischen auf die Entscheidungen ihrer Tochter hat – und wie sehr Fremde, Freunde oder Kollegen plötzlich näher an ihr Kind heranzurücken scheinen als sie selbst.
Ein Arzt ohne Aufgabe: Roland Heilmann am Scheideweg 
Parallel zum dramatischen Rettungseinsatz spitzt sich auch Roland Heilmanns berufliche Krise zu. Kaum ist Hanna gefunden, trifft ihn die nächste Erschütterung: Sarah Marquardt informiert ihn, dass seine Stelle neu besetzt werden muss. Nach Jahrzehnten im Dienst der Sachsenklinik steht dieser Satz wie ein Schlag ins Gesicht.
Für einen Mann, dessen Identität so eng mit seinem Beruf verwoben ist, bedeutet das mehr als eine Personalentscheidung:
- Er fühlt sich überflüssig.
- Sein Selbstbild als unverzichtbarer Arzt gerät ins Wanken.
- Die Klinik, die immer sein Zentrum war, dreht sich scheinbar weiter – ohne ihn.
In dieser emotional aufgewühlten Lage trifft Roland auf seinen langjährigen Freund Dr. Martin Stein. Doch anstatt Trost in der Vertrautheit zu finden, muss er feststellen: Auch Martin steckt in einer Sackgasse.
Martin Stein ist inzwischen Gesundheitsdezernent – ein Posten mit Macht und Einfluss, aber wenig von der unmittelbaren Menschlichkeit des Klinikalltags. Und genau das nervt ihn. Akten statt Anamnese, Sitzungen statt Sprechstunden, Verwaltung statt Visite: Die Distanz zu den Patienten reibt am Selbstverständnis des Arztes in ihm.
Damit stellt die Folge zwei Männer nebeneinander, die aus ganz unterschiedlichen Gründen das Gleiche empfinden:
- Entfremdung von dem, was sie einmal an ihrem Beruf geliebt haben.
- Die Frage, ob ihre Lebensentscheidungen sie in eine Sackgasse geführt haben.
Während Hanna körperlich flieht – vor Medikamenten, vor Kontrolle, vielleicht auch vor Erwartungen -, sind Roland und Martin mit einer inneren Flucht beschäftigt: dem Drang, aus Rollen auszubrechen, die ihnen nicht mehr passen.
Glanz und Risse: Die Abenteurerin Carla Simona Kind 
Als Kontrast zu diesem dichten Familiendrama tritt eine neue Figur auf die Bühne: Carla Simona Kind, Weltenbummlerin, Reisende, freiheitsliebende Erzählfigur. Sie kommt eigentlich nach Leipzig, um die Hochzeit ihrer Nichte zu feiern – ein klassischer Anlass für Wiedersehen, Geschichten und Nostalgie. Doch statt auf der Festtafel landet sie wegen einer infektiösen Erkrankung in der Sachsenklinik.
Dort übernimmt Jasmin Hatem ihre Betreuung. Jasmin, ohnehin neugierig und empathisch, verfängt sich schnell in den Bann von Carlas Lebenserinnerungen. Carla erzählt von Abenteuern rund um die Welt, waghalsigen Entscheidungen, furchtlosen Reisen – ein Leben wie aus einem Roman.
Doch schon früh setzt die Folge einen feinen, aber entscheidenden Stachel:
- „Die Geschichte hat nur einen Nachteil: Sie stimmt nicht ganz.“
Damit verschiebt sich der Fokus: Aus der bewundernden Zuhörerin Jasmin wird eine stille Ermittlerin.
- Was ist wirklich passiert?
- Wo beginnt Carlas Biografie – und wo fängt ihr Mythos an?
- Wozu brauchen Menschen, die sich „Weltenbummler“ nennen, diese Überhöhung ihrer eigenen Geschichte?
Carla wird so zur Spiegel-Figur der Episode: Während Hanna und Roland vor der Realität fliehen, flüchtet Carla in Erzählungen, in ein Selbstbild als furchtlose Abenteurerin. Die medizinische Diagnose tritt hier zeitweise in den Hintergrund; wichtiger ist die seelische Frage: Wie viel Selbsttäuschung erträgt ein Leben, ohne zusammenzubrechen?
Jasmin Hatem steht in dieser Konstellation für eine neue Generation von Ärztinnen: medizinisch präzise, aber emotional wach. Sie erkennt, dass es nicht nur um Blutwerte und Infektionswerte geht, sondern auch um Wahrheiten, die ein Mensch über sich selbst aushalten kann – oder eben nicht.
„Fluchten“ als Spiegel unserer Zeit: Warum diese Folge nachhallt 
Mit „Fluchten“ zeigt „In aller Freundschaft“ einmal mehr, warum die Serie seit Jahren eine so treue Fangemeinde hat: Sie nutzt den Kosmos der Sachsenklinik, um hochaktuelle Fragen zu verhandeln, ohne ihn zu verlassen.
- Da ist die junge Patientin, die sich Verantwortung entzieht, obwohl sie es besser weiß – ein Bild für eine Generation, die zwischen Selbstbestimmung und Selbstgefährdung taumelt.
- Da ist die Mutter, die merkt, dass Fürsorge nicht mehr Kontrolle bedeutet, sondern manchmal Loslassen – und dass diese Einsicht schmerzhaft sein kann.
- Da sind Ärzte, die feststellen, dass auch sie nicht unersetzlich sind, dass Karrieren enden oder sich verändern – und dass Status nie garantiert, innerlich im Gleichgewicht zu bleiben.
- Und da ist eine Geschichtenerzählerin, deren Lügen weniger Betrug als Schutzschild sind – vor einem Leben, das vielleicht nie so aufregend war, wie sie es brauchte.
Besonders eindrucksvoll ist, wie die Episode die verschiedenen Formen von Flucht miteinander verwebt:
- körperliche Flucht (Hannas Verschwinden, Carlas Auslandsreisen),
- emotionale Flucht (Kathrins Wut, Rolands Rückzug in Selbstzweifel),
- biografische Flucht (Carlas ausgeschmückte Lebensgeschichte),
- berufliche Flucht (Martins Distanz zum Klinikalltag).
Dabei bleibt „Fluchten“ nicht im Pessimismus stehen. Die Folge zeigt auch, dass jede Flucht eine Gegenbewegung provoziert:
- Roland, der Hanna findet.
- Jasmin, die zu Carlas Kern vordringt.
- Kolleginnen und Kollegen, die Roland und Martin spiegeln, was sie der Klinik über Jahre gegeben haben.
Am Ende bleibt der Eindruck einer Episode, die nicht nur erzählt, sondern fragt:
Wer sind wir, wenn uns unsere Rollen genommen werden?
Wie ehrlich sind wir zu uns selbst – und zu den Menschen, die wir lieben?
Und: Reicht Mut nur für große Reisen, oder brauchen wir ihn vor allem dafür, uns unseren eigenen Ängsten zu stellen?
„Fluchten“ ist damit nicht einfach eine weitere Krankenhausgeschichte, sondern ein präzise komponiertes Charakterstück, getragen von einem starken Ensemble: von Thomas Rühmann als verletzlichem Roland, Andrea Kathrin Loewig als zerrissener Kathrin, Helena Pieske als widersprüchliche Hanna und Heike Trinker als glänzend ambivalente Carla Simona Kind. Unterstützt von der Regie von Kerstin Krause und der Musik von Tina Pepper, Jasmin Reuter und Stephan Römer, trifft diese Folge einen Nerv – leise, aber nachhaltig.
Wer wissen will, warum „In aller Freundschaft“ auch in der 27. Staffel nichts von seiner Anziehungskraft verloren hat, findet in „Fluchten“ eine eindrucksvolle Antwort.